von Klaipeda (Lit) - Wladyslawowo (pol) in 40 Stunden und einer Nacht voller Sternschuppen
von Klaipeda (Lit) - Wladyslawowo (pol) in 40 Stunden und einer Nacht voller Sternschuppen
Published on August 17th, 2025 @ 11:09:00 , using 947 words,
2025-08-13 - Klaipeda (Lit) - Wladyslawowo (Pol)
Das Video zeigt miss sophie on her way
Für Mittwoch war die Wind- und Wetteränderung angekündigt - und sie fand statt.
Der West drehte auf SE und wir stehen um 05:00 Uhr auf, aber es ist rabenschwarze Nacht.
Wir entscheiden kurz, uns noch ne halbe Stunde aufs andere Ohr zu legen.
Dann sind wir los.
Um 08:30 sind wir draussen und wir setzen die Fock und das Groß und machen damit schlappe 2,5 kn. Damit werden wir die polnische Grenze nie erreichen - aber mal sehen, er soll ja noch etwas zulegen.
Etwa um 14:00 erreichen wir den russischen Sektor. Alle GPS-Geräte im normalen Arbeitsbereich, also kein GPS-Störsignal.
Um 15:15 segeln wir im russischen Sektor an einer Bohrinsel vorbei und werden über Funk in Englisch darüber informiert, dass wir den 3-sm-Bereich der Bohrinsel berühren und uns eine halbe sm südlicher bewegen sollen, was wir selbstverständlich auch sofort tun.
Bald darauf besucht uns ein kleiner Piepmatz, scheinbar ein Jungtier, weil seine Landeanflüge noch sehr ungeschickt aussehen und auch manchmal schiefgehen und wir überlegen uns, wo der wohl hergekommen sein kann, denn eine längere Strecke zu Fliegen trauen wir ihm noch nicht zu. Die Küste ist nicht zu sehen.
Wir haben keine Ahnung.
Aber er verbringt einige Stunden bei uns, sitzt mir auf der Mütze und pickt aus ihr irgend was heraus, inspiziert alles an Bord und wir stellen ihm hinten eine winzige Schale mit Wasser und ein paar Brotkrümel hin - aber er verschmäht alles.
Dann begibt er sich dann nach vorne und wir wissen nicht, wann er das Schiff wieder verlassen hat.
Auf See wird er nicht überlebt haben, denn die Küste ist 25 sm entfernt.
Inzwischen segeln wir zwischen 3-4 kn, wechseln uns nach jeweils 2-3 Stunden an der Pinne ab, knabbern zwischendurch an Broten und Würsten und alles geht so seinen geruhsamen Gang.
Die Sonne brennt an einem wolkenlosen Himmel und ohne Sonnenbrille wäre man hier verloren.
Um 21:20 Konferenz mit Hans von der Snowball, der irgendwo hinter uns segelt.
Es wird langsam dunkel, wir sind das einzige Schiff hier im Umkreis von 10 sm und es beginnt eine der schönsten Nächte, die ich überhaupt erlebt habe.
Miss Sophie macht mit ihrem Bug kein einziges Geräusch bei ihrer Fahrt durchs Wasser, die Segel ziehen und schieben Miss Sophie geräuschlos durch die Nacht, das Meer ist mit sanften weichen Wellen überzogen, am Firmament taucht alle halbe Stunde eine Sternschnuppe auf, die ebenfalls geräuschlos verglüht und wir geniessen diese absolute Stille, die wir überhaupt nicht mehr kennen.
Wir hatten verabredet, die 6 Stunden der absoluten Nacht zusammen im cockpit zu verbringen, weil solche Nachtfahrten nicht zu unserem täglichen Brot gehören und damit die Zeit an der Pinne nicht zu einsam wird.
Ich werde diese Nacht nie vergessen
Ich habe mich in dieser Nacht so absolut an Bord geborgen gefühlt, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe.
Es gab nichts, was dieses Gefühl in irgend einer Weise angeknabbert hat, was wohl vor allem daran lag, dass es die geräuschloseste Zeit gewesen ist, die ich jemals erlebt habe.
Nichts knarrte, nichts quitschte, nichts ruckelte, alles war weich und samtig.
Über dem Kartentisch leuchtete die rote Kartenleuchte, der Kartenplotter arbeitete im abgedunkelten Modus, das GPS leuchte mit seinem kleinen Display im matten Grün, das helle weiße Rundumlicht im Masttop war von hier unten nicht zu sehen, lediglich an den weißen kleinen Flecken am Ende des Windex, dem Windanzeiger, sah man, dass da oben etwas leuchten musste.
Keine Möwe krächste, kein Fisch bölkte durch die Gegend, Miss Sophie machte schweigend ihre Arbeit und alles war richtig und gut.
Wir haben auch nicht miteinander geredet - höchsten "kannst du demnächst übernehmen?"
und die knappe Antwort "klar".
Um 22:20 geht am Horizont hinter uns der Mond riesig gross dunkelrot auf, wird, als er in vollem Umkreis über dem Horizont steht, etwas heller im Rot, um dann je höher er kommt, immer noch etwas heller zu werden und am Ende in einem warmen Weiß über uns zu wachen beginnt.
Die Nacht ist nicht direkt warm, aber bei dem sanften Wind brauchen wir nur unsere Fleecejacken.
Es ist sehr dunkelgrau um uns herum - die Sterne und der Mond bringen einen Rest Helligkeit in den dunklen Himmel, so dass der Horizont immer gut zu erkennen ist.
Um 05:30 wird es ganz langsam etwas hell am Horizont.
Carsten legt sich für eine Stunde hin.
Dann zeigt sich im Osten ein schmaler leicht roter Streifen - und es wird noch eine volle Stunde brauchen, bis sich darin langsam die Sonne zu erkennen gibt.
Wir laufen wie schon die ganze Zeit mit 2,5 kn, was langsamer ist als ein normaler Fahrradfahrer - aber unsere Fortbewegung bezieht sich auf 5 Tonnen - und die würde ein Fahrradfahrer nicht einmal 50 cm weit bewegen.
Die Stunden vergehen, es bleibt bei der langsamen Geschwindigkeit.
Es ist das Hochdruckgebiet über uns, was sich von oben mit Luft auffüllt, die dann langsam nach den Seiten, wo weniger Druck ist, abzulaufen, was uns diese geringe Windgeschwindigkeit verschafft.
Und wieder beginnt ein wolkenloser Sonnentag.
Um 14:30 entscheiden wir, nach Wladyslawowo abzulaufen, weil die 30 sm noch nach Leba uns mindesten 10 Stunden kosten würden, und wahrscheinlich mehr, weil der Wind in der Nacht immer noch einen Tick weniger wird.
Mr Vetus muss an die Arbeit, aber nach einer halben Stunde begreifen wir, dass wir diese Richtung auch mit halben Wind segeln können und schalten Mr. Vetus wieder ab.
Auf der Karte sah es so aus, als wenn wir bis dahin noch ne Stunde brauchen würden - aber es wurden dann doch noch 4 Stunden - ich hatte den Maßstab der Karte falsch eingeschätzt.
Im Fischereihafen haben wir uns schnell noch Nudeln mit Pesto gemacht, Carsten holt noch ein paar kleine frittierte Fischchen und mit einer Flasche Rotwein beschließen wir diesen Törn, der uns danach sofort in einen erholsamen langen Schlaf brachte.
Video von miss sophie von Reiner Spiegl